kaethe k.

 

/ Urban Exploration

Verlassene Orte sind die stillen Überlebenden einer Krise.
Versteckt und unbeachtet stehen sie bzw. das was von ihnen übrig blieb, in Wäldern, Dörfern und Städten - mitten zwischen uns, mitten im eigentlichen Leben - als Tote.

Jeden Tag gehen wir an ihnen vorbei, ohne Notiz von den verweilenden Zeugnissen von Fehlplanung und Verfall zu nehmen.
Gebäude sind wichtig für uns, sie geben uns eine Aufgabe. Gebäude ermöglichen uns Leben und Handeln in einer modernen Gesellschaft, sie sind ein wichtiger Teil unserer sozialen Entfaltung und sie dienen uns als Statussymbol.
Wir bauen sie, pflegen sie und wir (ver)brauchen sie.

Wenden wir uns von unseren Gebäuden ab, werden sie zu vogelfreien Zeitzeugen unserer Gesellschaft. Aber nur weil diese Gebäude von ihren ursprünglichen Besitzern aufgegeben wurden, heißt es nicht, dass diese verlassen sind. Sie wechseln lediglich ihren Besitzer und werden zu neuem Lebensraum.

Die Tierwelt erobert den Raum. Spinnen bauen große Netze. Katzen finden einen neuen Spielplatz, um ihre Neugier zu stillen und Vögel können geschützt und ungestört nisten.

Aber auch die Pflanzenwelt fordert ihren einstigen Besitz wieder zurück. Alte Lagerhallen werden zu Gewächshäusern, zarte Grashalme erobern frühere Straßen zurück, Bäume wachsen auf Dächern und Moos überzieht den Boden und die Wände.
Während die einen Bauwerke von dichten Mauern aus wilden Hecken und Bäumen verschluckt werden, werden die anderen von Menschen neu entdeckt und zweckentfremdet. Sie bekommen eine neue Aufgabe, sie bieten dem einen Platz für Kunst und den anderen einen trockenen Schlafplatz.

Diese alten Gemäuer erfüllen für mich ebenfalls einen Zweck. Sie ermöglichen mir die Flucht aus der Zivilisation, denn - hier bei uns - wurde alles bereits erkundet, mit Grenzen abgetrennt und mit Schildern gebrandmarkt.
In dieser neuen, urbanen Wildnis kann ich noch der kindlichen Illusion nachjagen etwas zu entdecken.

Eine Art der Alltagsflucht.

Die Faszination für diese morbide Ästhetik geht über die antrainierte Alltagsvernunft hinaus. Den möglichen Konsequenzen meines Handelns bin ich mir durchaus bewusst, aber es fällt mir trotzdem schwer diesen Gemäuern zu widerstehen.
Neben der Neugier gibt es noch einen viel größeren Reiz, nämlich den etwas Verbotenes zu tun und auch wenn ich nach all den Jahren eine gewisse Routine habe, bleibt die Aufregung und die Vorfreude jedes Mal dieselbe.

Das Fotografieren gibt mir die Möglichkeit, diese Orte in einem Zustand abzulichten, der den meisten anderen Menschen verschlossen bleibt. Dabei spielen künstlerische, wie auch dokumentarische Aspekte für mich eine wichtige Rolle. Mein Ziel ist es, die einzigartige Atmosphäre einzufangen und zu konservieren.
Bilder können aber nur begrenzt wiedergeben, wie sich der Ort anfühlt.

Die Grenze zwischen Dokumentation und Kunst kann nur überwunden werden, wenn man sich intensiv mit seinem Motiv auseinandersetzt. Dazu gehören nicht nur Mobiliar und Hinterlassenschaften, sondern auch die Architektur der Räume, Höhe, Breite, Linien und - Unvollkommenheiten.

Es wird nichts zerstört und es wird nicht genommen, niemand soll durch mein Verhalten Schaden erleiden. Dieser inoffizielle „Kodex“ ist - wie meine Kamera - mein ständiger Begleiter, denn was ich mache, tue ich aus Liebe zur Ästhetik und der Suche nach einer verloren gegangenen Freiheit.